ETWAS ÜBER HERMANN MAX
von Thomas Höft

Geschichte ist nicht vergangen, Geschichte lebt. Wir begegnen ihr auf Schritt und Tritt, und wenn wir nicht versuchen, sie für uns zum Sprechen zu bringen, bleibt uns auch die Gegenwart unverständlich. Hermann Max ist ein Künstler, der uns hilft, die Vergangenheit für die Gegenwart zu nutzen.

Er ist ein Kriegskind, das – wie er selbst schrieb – von den Schwernissen des Krieges weitgehend unberührt blieb. In seiner Familie wurde viel musiziert, er lernte, Klavier und Geige zu spielen und entdeckte so den Reiz wie die Aktualität der Kunst der Vergangenheit. Und so wundert es nicht, dass er ihr auf unterschiedlichste Weise nachspüren wollte. Als Student der Kunstgeschichte hatten es ihm die Meister der Illustration angetan, als Student der Archäologie beschäftigte er sich mit der Architektur des klassischen Griechenland und dem etruskischen Häuserbau. Als Musiker reizte ihn später, vergessene Baugesetze in älteren Partituren zu finden.

Als in den fünfziger Jahren in Österreich, England und Holland Musiker darangingen, eine Theorie und Praxis des Musizierens alter Musik nach den Maximen der historischen Quellen durchzusetzen, begeisterte das bald einige besonders engagierte junge Musiker, zu denen auch Hermann Max zählte, in einer Zeit, in der gerade die Studenten nichts von Konventionen hielten. Die Achtundsechziger setzten nach schweren Auseinandersetzungen die Demokratisierung aller gesellschaftlichen Institutionen ebenso durch wie die dringliche Debatte über Schuld und Verantwortung einer Kulturnation am größten Massenmord der Geschichte. Die Mittel dieser gesellschaftlichen Bewegung waren – außer dem organisierten Protest – vor allem ein grundsätzlicher Skeptizismus und beharrliches Nachfragen. Eine ganze Generation gab sich nicht mit dem Weiter so zufrieden, sondern fragte konsequent nach dem Warum.
Zu ihnen gehört Hermann Max.

Vielleicht wird es eines größeren zeitlichen Abstands bedürfen, um verlässlicher darüber urteilen zu können, in wie weit die Entwicklung der Positionen der Historischen Aufführungspraxis ein Seitenzweig des gesellschaftlichen Aufbruchswillens in den sechziger Jahren war. Zumal das Erforschen von alten Manuskripten auf den ersten Blick nichts mit den studentischen Debatten um Revolution und Vietnamkrieg zu tun zu haben scheint. Und doch scheint mir eine enge Beziehung auf der Hand zu liegen. Wann immer Hermann Max über die großen Inhalte der Werke eines Bach oder eines Mozart redet, flammt auch die soziale Frage auf. Da stehen die gesellschaftlichen Realitäten der Zeit der Komponisten ebenso auf dem Prüfstand wie ihre Ideale. Und davon, dass gerade Künstler immer wieder die Botschaften eines überzeitlichen Humanismus transportieren, ist Hermann Max zutiefst überzeugt.

Inzwischen ist die historisch informierte Aufführungspraxis Allgemeingut, so wie das einst verfemte ökologische Gedankengut heute politischer Mainstream zu sein scheint. Dass wir über der Zufriedenheit darüber nicht die brennenden offenen Fragen vergessen dürfen und weiter ohne Unterlass an der Verwirklichung künstlerischer wie humanistischer Ideale arbeiten müssen, ist Hermann Max’ Überzeugung bis heute. In den gesellschaftlichen Fragen ebenso wie in der Musik.