MEIN SCHUMANN
von Hermann Max

Meine Kindheit ist auch deshalb von Schwernissen des Krieges weitgehend unberührt geblieben, weil mein Vater nicht als Soldat eingezogen wurde. Er galt als unabkömmlich, obwohl er nie einer Partei angehörte.

Klavierspiel und Singen wurden in meiner Familie ausgiebig gepflegt. Musik und die Menschlichkeit meiner Eltern, geprägt durch harte Bedrohungen in der Zeit bis 1945, waren in meiner Kindheit bestimmend. In den nachfolgenden Jahren hat das traditionsreiche musikalische Leben der Stadt Goslar meine Neigung zur Musik verstärkt, zumal ich in der Zeit vor dem Abitur selbst ausführend daran teilnahm. Ausschlaggebend für die Berufswahl war schließlich der Unterricht, den ich bei Uwe Groß in Braunschweig (heute em. Professor in Herford) erhielt. Vorbereitung dazu waren Klavierunterricht ab dem 10. Lebensjahr und Violinunterricht während der letzten drei Schuljahre.

Fürchtenmachen und Glückes genug aus Schumanns Kinderszenen waren die Lieblingsstücke meiner Kindertage, die ich unendlich oft ohne jeglichen Überdruss und mit höchst unterschiedlichen Rubati genussvoll spielte. Meine Eltern mochten die Stücke auch, hatten aber, wenn meine Ausdauer besonders groß war, unwiderstehliche Lust zu einem Spaziergang.

Als ich anfing, Schumanns Kleinode zu üben, ergaben sich durch anfängliche Leseschwierigkeiten mitunter unfreiwillige Rubati, die bald gekonnteren wichen.

Als ich viele Jahre später über Tempofreiheiten in der Musik des 17., 18. und 19. Jahrhunderts nachdachte, erinnerte ich mich an diese frühen Tempofreizügigkeiten, denn beim Spiel schwer lesbarer Originalquellen glaubte ich mitunter, Rubati hätten sich durch Leseschwierigkeiten in mit Sauklaue gefertigten Handschriften ergeben und nicht etwa durch kunstvolle Affektverläufe. Vielleicht Einbildung.

Einbildung war womöglich auch mein Eindruck, der sich beim Spiel von Kreisleriana, der Arabeske und bei der Auseinandersetzung mit seinen Liedern einstellte: Ich meinte oft, eine andere Person würde durch seine Musik sprechen, nicht er selbst. Mir war immer, als lebte er in einem fernen Raum jenseits der Wirklichkeit. Das war allerdings nicht verwunderlich in einer von E.T.A. Hoffmann, Wackenroder und Tieck geprägten Zeit. In der Musik Schumanns scheint mir so mancher Ton dessen tragisches Ende versteckt anzukündigen.

Sein Ausstieg aus der Realität und das Hinübergleiten in eine Phantasiewelt waren für mich in seiner Klaviersonate in g-Moll offenkundig. Über dem 1. Satz steht: So rasch wie möglich. Auf der vorletzten Seite dieses Satzes heißt es: Schneller. Und nach dem letzten Umwenden steht: Noch schneller. Das erschien mir zunächst absurd. Doch bald verstand ich das als großartige Vertonung eines Grenzübertritts; als ein durch überschnelles Tempo vollzogenes Hinüberhasten in nebulöse Gefilde, in ewig freie Unendlichkeit.