Bach und Leipzig

Dresden ist zu Bachs Zeit Residenzstadt in Sachsen. An Bedeutung wird sie jedoch von Leipzig überragt.
Wer damals in die Stadt einreist nimmt französisch anmutende Gartenanlagen wahr. Alles darin wirkt bildschön geometrisch und klar gegliedert. Orange­rien und Lusthäuser sind wie Vermittler zwischen höfischer und städtischer Kultur. Leipzig hat jetzt rund 32 000 Einwohner, während im benachbarten Dresden doppelt so viele leben.
Bür­gerschaft und Handwerker haben kein politisches Mit­spracherecht. Die Ratsherren haben die politische Macht fest im Griff. Tradi­tionell steht die Landesherrschaft auf der Seite des Rates - als Obrigkeit unumstritten.       

Leipzig kultiviert wie das freie Hamburg eine aufgeklärte Haltung gegen die geistliche Or­thodoxie. Allein Tugend zählt als das Gute im Menschen. Übernatürlich-Göttliches wird fragwürdig. So kann Leipzig eine galante Stadt der Mode mit Hang zu Vergnügungen, zu musikalischen und künstlerischen Szenen werden. Überall entstehen technische Neuerungen: Hamburg und Leipzig haben Stra­ßenbeleuchtung! Zu Beginn des Aufklärungsjahrhunderts nimmt die sächsische Metropole 1701 siebenhundert Öl-Laternen in Betrieb. Die Kaffeehauskultur boomt. 1725 lädt Leipzig in acht Kaffeehäuser ein. Deren Reiz, Ge­tränke, Tabak, Zeitungen, Bücher und Spiele zu genießen, wird zum Statussymbol.Das Café Zimmermann ist das schickste Etablissement dieser Art. Bach realisiert hier in 20 Jahren über 600 Konzert-Programme. Auch die Orchestersuite unseres Programms.

Als Luther-Stadt hat Leipzigs Schulwesen höchstes Niveau; als lutherisch rein gilt die Universität mit hervorragendem Ruf neben Wittenberg. Berühmte Ge­lehrtenfamilien ziehen Sprösslinge groß, die die Aufklärung vorantreiben. Kultur­projekte entstehen neben Naturalienkabinetten zu Erkenntnissen über die Erde, über Pflanzen und Tiere. Zeitungen veröffentlichen Überregionales und halten Polemik über städtischen Klatsch nicht zurück. Buchmessen sind Umschlagsort für neuestes Gedankengut. In öffentlichen und priva­ten Bibliotheken lagern kühne Ideen von allerhand Gelehrten. Die Leipziger Messen bringen dreimal im Jahr Waren, Geld, neue Perspektiven und interessante Menschen in die Stadt. Der Kommerz blüht. Sänften stehen zwischen 6 und 20 Uhr als bequeme „Taxen“ zur Verfügung.

Der Kurfürst feiert hier seit der Übernahme der polnischen Krone mitunter seinen Geburtstag und wird in einem Bürgerhaus untergebracht. Das mutet man ihm zu, allerdings mit könig­lichem Luxus. Leipzig ist Dresden eben­bürtig. Die wirtschaftliche Metropole glänzt erfolgreich ne­ben der politischen, die Handels- und Gelehrtenstadt neben der Residenzstadt.

Mit seiner gesellschaftlichen Vernetzung lebt Bach hier gut. Im Gegensatz zu manchen Historiker-Urteilen über ihn als streng und mittelalterlich Denkendem zeigt er in vielen Dingen die weltoffene Einstellung eines zu seiner Zeit modernen Menschen mit Sympathien für die Aufklärung.

So etwas wie Der zufriedengestellte Äolus - Dramma per musica für den Namenstag des Philosophiedozenten August Müller - nennt der Aufklärungs-Wortführer Gottsched spitzzüngig kleine Opern oder Operetten. Bach führt sein Werk 1725 vermutlich Open Air vor Müllers Haus auf. In der Tat outet sich Bach mit dieser Operette als humorvoller Komponist. Das gebildete Publikum kennt natürlich die mythologischen Zusammenhänge des Plots: Das Fest vom 3. August droht gleichsam durch die zu früh losgelassenen zerstörerischen Herbststürme des Windgottes Äolus zu platzen. Sommerwind Zephyrus, die Göttin der Früchte Pomona und Pallas Athene haben entsetzliche Angst, können jedoch das ergrimmte Herz des Wind-Monsters durch Hinweis auf August Müller mit diplomatisch vorgetragenen Argumenten gewitzt beschwichtigen. Ende gut, alles gut. Was Freude, welch Vergnügen singen die Göttlichen, bevor alle Irdischen mit Vivat August! Sei beglückt, gelehrter Mann einfallen.
Nebenbemerkung: Stürmische Zeiten gab es auch in 25 Jahren Festival Alte Musik Knechtsteden.

Geheimrat Goethe in Weimar lässt sich von Felix Mendelssohn die Ouverture in D-Dur auf dem Klavier vorspielen und meint: Im Anfange gehe es so pompös und vornehm zu, man sehe ordentlich die Reihe geputzter Leute, die von einer großen Treppe herunter stiegen. Falsch kann der Geheime Rat mit dieser Vorstellung nicht liegen, denn Ideengeber für Vertonungen waren Bilder im Komponistenkopf, was besonders für Bach zutrifft. Ob er das Goethe-Bild im Kopf hatte? Möglich! Vielleicht hat er die Suite für einen königlichen Besuch aus Dresden komponiert und im Café Zimmermann zum Besten gegeben. Immerhin haben einmal 600 Studenten ein gekröntes Haupt bei Fackelschein dorthin geleitet. Gerade die Ouverture ist voller Huldigungszeichen, voller Verneigungen und Willkommensgesten.
Was mag Bach im Air beschreiben? Man kann detektivisch suchen und kommt vielleicht auf Melancholie, die einen Herrscher bedrückt. Die in vollkommener Schönheit daherkommende kantable Melodie mag dessen aufgesetzt freundliches Gesicht beschreiben, während dahinter 2. Violine, Bratsche und Basso continuo die tatsächliche Gemütslage verraten. Mit dem schmerzlichen Auf und Ab ihrer Bewegungen und deren schrägen Intervallen beschreiben sie wehklagend Trübsal und Melancholie. Welche Erinnerungen im Kopf des Portraitierten mag Bach hier beschreiben? Schön, dass die Deutungsfantasie keine Grenzen kennt. Die nachfolgenden Tanzsätze klingen voller Lebenslust nach heiler Welt. Die Gavotte ist mit ihrem Affekt eine rechte jauchzende Freude. Die Bourrée hat gleichsam etwas unbekümmertes oder gelassenes, doch nichts unangenehmes. Die Gigue zeigt mit Affect einen hitzigen und flüchtigen Eifer, einen Zorn, der bald vergehet.

1. Weihnachtsfeiertag 1742:
In der Paulinerkirche (Universitätskirche) erklingt zu einer akademischen Rede Bachs dreisätzige Kantate Gloria in excelsis Deo. Der akademische Rahmen verlangt lateinische Kirchenmusik, die sich in diesem Fall auf den in der Festrede behandelten Bibelabschnitt aus der Weihnachtsgeschichte bezieht. Bach greift in den drei Sätzen auf seine h-Moll-Messe zurück. Das Gloria der Messe übernimmt er unverändert. Für den zweiten Kantaten-Satz versieht er Domine Deus mit neuem Text. Den Schluss bildet, ebenfalls neu textiert, das Cum Sancto Spiritu.

Hermann Max