Georg Philipp Telemann Der Tag des Gerichts
Georg Friedrich Händel Dixit Dominus

Telemann(1681-1767) war nicht sofort nach seinem Tod vergessen und verkannt. Im 19. Jahrhundert und noch lange nach 1900 war es jedoch so weit: Musikwissenschaftler von höchster Glaubwürdigkeit urteilten: …er schmierte, wie man Stiefel schmiert und wusste gar nicht mehr, was er alles komponiert hatte. Fabrikware habe er geschrieben, so hieß es, und biedere Hausmusik. Gegenüber  dem sakrosankten Joh. Seb. Bach konnte er nicht bestehen. Der erste Bach-Biograph Philipp Spitta und sein Kollege Albert Schweitzer mäkelten scharfzüngig und meinten, Es erscheint unbegreiflich, daß er [Bach]es über sich gewann, ganze Kantaten von Telemann abzuschreiben und in Leipzig aufzuführen. Einige Werke Telemanns galten lange als Bachs Kompositionen. Die Bach-Kantate Das ist je gewisslich wahr (BWV 141), der Eingangschor So du mit deinem Munde (zu BWV 145) und eine Reihe weiterer Bach zugeschriebener Kantaten und Motetten sind allerdings von Telemann. Da man glaubte, diese Werke stammten aus des Thomaskantors Feder, galten sie als interessant in der Textdeklamation und waren ausgezeichnet.
Eine gerechte Beurteilung wurde Telemann ab etwa 1960 zuteil. Zeitgenössische Komponisten wie Werner Henze und Wolfgang Rihm urteilten als Musiker und kamen zu anderen Bewertungen. Henze: Daß Bach und Händel ihre Schatten so massiv über seine Musik geworfen haben, ist schwer zu verstehen – vielleicht hat es etwas zu tun mit der Prädominanz der Professoren aus der Musikologie-Branche. Rihm: Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich Musik von ihm höre. Die ist immer frisch erfinderisch, wie man so experimentierfreudig es bei keinem seiner Zeitgenossen findet. Ein Avantgardist seiner Zeit. Telemann war ein Beweger, fortschrittlicher als sein Freund Bach.

Ein Beweger und Neuerer bis ins hohe Alter! Denn nur fünf Jahre vor seinem Tod schrieb er das Oratorium Der Tag des Gerichts.  Das war sein Altersmeisterwerk und 1762 höchst moderne Musik. Der Europäer Telemann schuf darin eine erschreckende wie am Ende halbwegs beruhigende Darstellung vom Ende der Welt durch einen grausamen wie gütigen Gott. Man weiß nicht, ob man das in vier Abteilungen gegliederte Werk als Komposition oder als musikalisches Gemälde bewundern soll.
Anschaulich werden darin die Agnostiker des 18. Jahrhunderts beschrieben, die, wenn der Herr kommt mit vieltausend Heiligen, Gericht zu halten über alle, voller Spott und Unglauben höhnisch fragen: Wer hört des Wahnes finstre Rede, und ist, sie zu verschmähn zu blöde? Wer?  Weder „Religion“ noch „Vernunft“ können als allegorische Figuren mit ihren Argumenten und Warnungen Einsicht bewirken. Der „Unglaube“ verstummt erst, wenn der Chor stark rasselnde Wagen besingt. Mit ihnen naht auf Blitzen getragen Jesus zum Weltgericht, so dass durch sein allmächtiges Schelten Welten zerreißen. Schließlich, so heißt es hier im Mythos vom Jüngsten Gericht, werden die Gläubigen mit dem Segen Jesu zum Himmel bracht. Die Ungläubigen hingegen flehn umsonst. Sie klagen mit den Ausrufen Ach Hilfe! Weh uns! Ihr Hügel, ihr Berge, stürzt über uns her! Verflucht sei unsere Missetat, ersäuf uns, du kochendes Meer, ersäuf uns! Stürzet! Weh uns! Rat! Es hilft nichts. Jesus vertreibt die Sünder von seinem Angesichte. Der Chor der Seligen kann den Herrn Zebaoth mit Heilig ist unser Gott preisen und am Ende jubeln die Chöre der Himmlischen und versichern, Die Rechte des Herrn ist erhöhet! Er warf der Höllen Ungeheuer und aller Laster Knechte ins Feuer. Eröffnet mit frohem Getümmel dem jauchzenden Zion das Tor und singt dem neubevölkerten Himmel die ew’gen Hymnen vor.

Kraftvolle Emotionen riefen alle diese Texte und ihre Vertonungen im Hörer des 18. Jahrhunderts hervor. Das erwartete und liebte diese Zeit. Auch heute wirkt die bilderreiche Klangwelt Telemanns beeindruckend. Seine Darstellung von Weltuntergang mag sogar noch  heute eine realistische Vision sein.  Allerdings weniger hervorgerufen durch göttliche Macht als durch die fragwürdigen Möglichkeiten der Mächtigen dieser Welt.

Wie Telemann durch Aufenthalte in Polen und Frankreich, so war Händel durch Studien in Italien und sein Leben in England eine europäische Musikerpersönlichkeit ersten Ranges geworden. Er hat mit seiner Psalmvertonung Dixit Dominus kein Alterswerk, sondern das Werk seiner jugendlichen Meisterprüfung hinterlassen. Abgeschlossen hat er die Komposition 1707 als Dreiundzwanzigjähriger in Italien. Das Handwerk eines Komponisten hatte er in Deutschland gelernt. Nun erweitert er sein Können mit dem, was er in Italien während seines gut dreijährigen Aufenthaltes in Venedig, Florenz, Rom und Neapel studieren konnte. Sein jugendlicher Überschwang und die glanzvolle Welt Italiens haben ihn offenbar zu seinen genialischen Schöpfungen dieser Jahre befähigt. Auf Dixit Dominus undviele seiner italienischen Kantaten hat er im Laufe seines Lebens als Schatzkammer für Ideen von Motiven, Formen, Stilen, Themen, ja ganzen Arien, zurückgegriffen. Eines dieser Werke, Armida abbandonata, hat übrigens J.S. Bach in den Konzerten des Café Zimmermann in Leipzig vom Cembalo aus aufgeführt.

Was mag den jungen Händel in Italien fasziniert haben? Zunächst Prinzen, Mäzene, Dichter, Musiker und gestrandete Abenteurer aus Portugal, Spanien und dem Orient. Weiterhin die Maskenfeste, Bankette, Fontänen, Statuen und Gemälde! Mag sein, dass er überwältigt war von der Fruchtbarkeit, der Fülle herrlicher Einfälle. In diesen italienischen Werken fand [er] beredte Plauderhaftigkeit wieder, unerschöpfliche Redelust, die Copia der antiken Oratoren und Rhetoren. Der kleinste Gedanke wirkt groß, verwandelt, veredelt, alles strahlt und kreist in der Pracht des Wohlklanges, so schreibt der französische Musikologe André Pirro.
Die von Händel als Lehrer und Freunde bewunderten Musiker waren Alessandro Scarlatti mit seinen Opern, Oratorien, Messen und Instrumentalmusik, dann der Patriziersohn Arcangelo Corelli. Wie ein Fürst wurde er als Spezialist für Instrumentalmusik verehrt. Nicht zu vergessen Bernardo Pasquini mit seinen Cembalo- und Orgelwerken.

Gesehen hat er jedoch auch das Grauen von Kriegen. Die Schrecken des Spanischen Erbfolgekrieges erlebte er in Oberitalien. Die österreichischen Truppen unter Prinz Eugen hatten ihr Hauptquartier in Venedig. In Neapel kann er hautnah erlebt haben, wie  die kaiserlichen Truppen unter Feldmarschall Graf Daun das von den Bourbonen besetzte Königreich Neapel eroberten.
Im Dixit Dominus wird der Gott Jahwe als außerordentlich gewalttätig beschrieben, kriegerisch und feindselig. Sollte Händel bei der Charakterisierung Jahwes des Herrn von den kriegsmächtigen Herrn in Neapel und Venedig inspiriert worden sein? Denkbar!

Der 110. Psalm gilt als Königspsalm, in dem Jahwe einen zukünftigen Sionskönig auffordert, sich zu seiner Rechten zu setzen und dessen Feinde so erniedrigt, dass sie als Fußschemel dienen, und er, der König, über sie herrschen kann.
Händel verwendet für das Bild der geknechteten Feinde herabstürzende Streicherfiguren. Bei den Worten sede a dextris meis (setze dich zu meiner Rechten) hält die Musik „gesetzt“ für einen Moment inne. An Folter denkt man bei den Rhythmen, die die zu Schemeln erniedrigten Feinde beschreiben. Immer wieder wird – einem Schlachtruf ähnlich – beteuert: Dixit Dominus! Dixit!
Nachdem im 2. Satz das machtvolle Zepter beschrieben wurde, mit dem der König über seine Feinde herrschen wird, ertönt in Vers 3 und 4 des Psalms die Prophezeiung, der König sei kraft göttlicher Einsetzung von Anfang an bis in Ewigkeit Priester nach der Art Melchisedechs. Weihevolle, feierliche und machtvolle Klänge machen im 4. Satz Jahwes Schwur glaubhaft, es werde ihn nicht reuen, den König als Priester eingesetzt zu haben.
Im folgenden Satz tritt Jahwe an die Seite des Königs, um ihn in der Auseinandersetzung mit den Königen der Erde zu decken, ja selbst als Kriegsheld den Kampf zu führen und Gericht unter den Heidenvölkern zu halten. Monumental stellt das die Musik dar, indem die Gesangsstimmen von allen Instrumenten unisono begleitet werden.
Darauf wird turbulent geschildert, wie die Leichen der Völker aufgehäuft und die Häupter der Herrscher zerschmettert werden.
Am Ende des Psalms hören wir, dass der König unterwegs vom Bache trinkt. Nach heutiger Deutung ist er durch dieses Bild gleichsam mit einer von Gott geschenkten Lebens- und Siegermacht ausgestattet. Überraschend ruhig pochend ist dabei der Herzschlag der Musik, so, als sei der König erschöpft und zeige sich nun als mitleidvoller Mensch.
Ein prächtiges und virtuoses Gloria patri beschließ die Komposition.

Seit Menschengedenken wurden die Götter wie mächtige, strafende, tötende und seltener als  gütige Menschen beschrieben. Woher sonst als von Menschen hätten die Menschen ihre Vorstellungen von Göttern nehmen sollen! Seitdem die Geschicke der Menschen aufgeschrieben wurden, hat sich daran nichts geändert, obwohl sich die Bedeutung von Göttern und Gottheiten gewandelt hat und geringer wurde.