Felix Mendelssohn Bartholdy
(1809-1847)
Elias

In unserer Aufführung des Elias werden neben der Handlung vor allem die Gefühlsverläufe der Protagonisten, des Chores und des instrumentalen Apparates in den Vordergrund gestellt. Die Hölle der Empfindungen, durch die sie alle im Geschehen gehen, steht damit in einem Blickfeld, das unmittelbar zur Darstellungsweise des 18. Jahrhunderts führt, in dem das einzige Ziel in der Musik das Erregen und Stillen von Affekten war; extrem wirkungsgerichtet auf den Hörer.
Dieser Stil war Mendelssohn näher als die heute in der Wiedergabe seiner Musik oft anzutreffende Monumentalität, die eher auf Musik der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zutreffen mag.

Das „Haus“ Mendelssohn war vor allem durch Lea Itzig (Mutter von Felix), aber auch den Großvater Moses aufgeschlossen für alles Neue, offen für Wandel durch Neuerungen. Man blickte einerseits nach vorn und andererseits zurück in die Geschichte. Moses besaß Kirnbergers Die Kunst des reinen Satzes, CPE Bachs Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen  und Sulzers Schriften. Im Umfeld der Familie war (typisch für den Historismus im 19. Jh.) das Bedürfnis vorhanden, sich durch Archive und Bibliotheken Wissen über die Vergangenheit anzueignen. Dass Ungelesenes und nicht Angeschautes die Vergangenheit tot erscheinen lässt, war in diesem Hause klar. Verlebendigung setzte nur voraus, die vielen alten und klugen Schriften zu lesen, damit Vergessenes lebendig wurde. Felix wusste das nicht zuletzt durch seinen Privatlehrer Karl Wilhelm Heyse (Vater des ersten deutschen Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse).

Er, Felix, konnte von Anfang an musikalisch Eigenes in seinem familiären Umfeld entwickeln. Sein Geschmack und seine Wiedergabestilistik konnten sich frei und ohne strenge pädagogische Prägung durch einen Lehrer entwickeln. Er wurde nicht eigentlich erzogen, sondern konnte sich selbst zu seinem eigenen Stil erziehen: zu Natürlichkeit ohne kritiklose Übernahme von Gewohnheiten. Alles hat er hinterfragt. Sich selbst besonders. Die lange Geschichte der vielen Umarbeitungen des Elias ist dafür ein Beispiel.

In seiner eigenen Bibliothek bewahrte Felix CPE Bachs Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen (Ausgabe 1797) auf. Das war eines der grundlegenden Lehrwerke über Musikmachen im 18. Jh. Es basierte  auf JS Bachs Ideen und war richtungweisend für viele Musiker wie Haydn und ihn selbst, Felix. Liest man in CPE Bachs Versuch nur das Kapitel Vom Vortrage, fallen sofort zahlreiche Äußerungen und Stilismen Mendelssohns ein, die Larry Todd in seiner Biografie (2009) beschreibt.

Natürlichkeit bedeutet bei Felix, dass Affektverläufe nachvollziehbar geschildert werden. Ausdruck und Geist waren ihm das Wichtigste und trotz seiner Neigung zu schnellen Tempi wichtiger als Virtuosität. Schon die Ouverture des Elias ist ein Pool von zahllosen Momentaufnahmen verwirrender Gefühle. Detailreich  werden darin Todesangst, Not und Verzweiflung während der Trockenheit beschrieben, die das israelische Volk zu Beginn des Werkes zur Kenntnis nehmen muss. Zunächst niedergeschlagen und später mit wachsendem Entsetzen. Grund: Elias hat das Volk mit einem grausigen Fluch belegt.

Wie natürlich und realistisch Mendelssohn das Oratorium dargestellt hat, wird in einem Zeitungsartikel deutlich, der kurz vor der Uraufführung (Birmingham, 1846) in London erschienen war. Ein Korrespondent aus London sollte vorab über die bevorstehende Uraufführung berichten. Er war höchst überrascht, wie opernhaft Mendelssohn seinen Elias dargestellt wissen wollte. Warum nennt er das Werk Oratorium, so schreibt er, wenn er es so opernhaft darstellt?

Das Opernhafte konnte in den Rezitativen durch natürliches Sprechtempo („parlando“ heißt sprechend) deutlich werden. Das entspricht der Wiedergabe von Rezitativen im 18. Jahrhundert. (CPE Bach: Man siehet wenigstens aus den Rezcitativen mit einer Begleitung, daß das Tempo und die Tackt-Arten offt verändert werden müssen, um viele Affeckten kurtz hinter einander zu erregen und zu stillen).  Der Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts galt stets Mendelssohns Interesse. Durch seine Mutter und deren Mutter (Schülerin Kirnbergers) dürfte er über dessen Kunst des reinen Satzes informiert worden sein. Georg Pölchau und Carl Friedrich Zelter werden ihm erzählt haben, wie Wilhelm Friedemann und CPE Bach, Friedrich Agricola (Thomaner zu JS Bachs Zeit) und Carl Fasch gelernt hatten, Musik wiederzugeben. Sie hatten sie persönlich gekannt.

Als Lehrer des von ihm gegründeten Leipziger Konservatoriums behandelte Mendelssohn selten einfache technische Fragen, sondern befasste sich ausführlich mit besonderen Problemen des musikalischen Ausdrucks und riet seinen Schülern, sich gute Sänger zum Vorbild zu nehmen. (CPE Bach: daß man keine Gelegenheit versäumen müsse, geschickte Sänger besonders zu hören; Man lernet dadurch singend dencken). Dass Mendelssohn mit Ausdruck ständige Abwechslung  und nuancenreichen Vortrag verband, wurde indirekt deutlich, als  er J. Nepomuk Hummel während einer Soiree in London monoton improvisieren hörte und obligat dazu gähnte. Die Wiedergaben von Paganini beschreibt er als so langweilig dass ich einschlafen wollte. (CPE Bach: …um keine Ermüdung und Schläfrigkeit blicken zu lassen).

Viele Einzelheiten in der Elias-Partitur  weisen  auf den Singe- und Spielstil der Bachzeit hin. Als Mendelssohn 1843 vor der Einweihung des von ihm vorbereiteten Bach-Denkmals in Leipzig erfuhr, dass in Berlin ein Enkel Bachs (Wilhelm Friedrich Ernst) lebte, bat er ganz aufgeregt seinen Bruder, sofort zu dem Enkel zu gehen. Der Bruder sollte  ihn über alles ausfragen, was die Zeit von JS Bach betraf; ob der Enkel sogar Noten und Bilder hätte. Er, sein Bruder, sollte ihm sofort Bericht erstatten. JS Bach war Mendelssohns Säulenheiliger. Er selber wollte nie ein Säulenheiliger sein, sondern trat als Person hinter allen Werken zurück, ob komponiert oder dirigiert.

Sein Dirigat war für die damalige Zeit ungewöhnlich. Ein Leipziger Zeuge bewundert das electrische Feuer von M.‘s Natur und glaubt, es müsse ein Strahlenbüschel der Dioskuren aus diesem Zauberstabe hervorbrechen, durch dessen gewaltige Wirkung selbst das ausgesprochenste Phlegma mit fortgerissen ward. Weiter wird beschrieben, wie Mendelssohn nicht nur mit dem Stabe, sondern mit dem ganzen Körper dirigiert habe. Und: Mienenspiel begleitete die ganze Musik. (CPE Bach in Vom Vortrage über einen Musikus: Bey matten und traurigen Stellen wird er matt und traurig. Man sieht und hört es ihm an. Dieses geschicht ebenfalls bey heftigen, lustigen, und anderen Arten von Gedancken, wo er sich alsdenn in diese Affeckten setzet. Kaum daß er einen stillt, so erregt er einen andern, folglich wechselt er beständig mit Leidenschaften ab.) Englische Musiker, die sich bei seinem ersten Dirigat in England geweigert hatten, nach seiner ungewöhnlichen Stabführung zu spielen, sollten beim Elias ausgeschlossen werden. Er bestand darauf, sie mitspielen zu lassen.

Sein Stil war extrem ausdrucksvoll und risse Einen ordentlich mit fort, hieß es.Ihm ging es darum, Feuer und Geist in der Wiedergabe zu haben,kraftvoll und leicht. (CPE Bach: Es gehört hiezu eine Freyheit, die alles sclavische und maschinenmäßige ausschliesset). Oft wurde er für seine schnellen Tempi (bei Beethoven und in eigenen Werken) angegriffen, was immer wieder zu Kritik an seinem ungewohnten Dirigieren führte.

Der biblische Bericht über Elias ist von uns Heutigen so weit entfernt wie das antike griechische Theater. Die Protagonisten werden in der Aufführung Masken tragen wie sie in der griechischen Tragödie üblich waren. 800 Jahre vor Christus lebte Elias. In dieser Zeit entstand das griechische Theater. Mendelssohn war dieser Welt durch seine Beschäftigung mit griechischen Tragödienstoffen sehr nahe. Antigone entstand 1841, Ödipus auf Kolonos hat er während der Arbeit am Elias vertont. Heyse hatte ihn über die griechische Antike unterrichtet, z.B. mit Ovids Metamorphosen, die sich neben vielen antiken Werken in Mendelssohns eigener Bibliothek befanden. Entscheidender Grund für die Masken: in ihrem Schutz gewinnen die Protagonisten enorm an Ausdruckskraft.

Letztlich möchte ich mit allen Ausführenden gemeinsam eine Version des Elias finden, zu der nicht nur historische Recherchen geführt haben. Ich hoffe vielmehr, dass der heutige Hörer mit dem Gefühl nach Hause geht, der Elias-Mythos sei ihm im Jahre 2014 glaubhaft, natürlich und spannend erzählt worden. Möge das Publikum dadurch eine Brücke zum historischen Elias finden und erkennen, dass alles, was der Prophet vor 3000 Jahren an Macht und Spott, Hass und Verzweiflung, Fanatismus und Scheitern durchlebte, auch dem Menschen von heute ständig widerfährt.

Hermann Max