Yehudi Menuhin – Dresden - Echo-Klassik

1997 erhielt Yehudi Menuhin den Echo-Klassik-Preis für sein Lebenswerk in der Semper-Oper in Dresden. Für ihre jeweiligen neuen Aufnahmen wurden in dieser Veranstaltung auch Christopher Hogwood, Bruno Weil und ich für die Rheinische Kantorei ausgezeichnet. Bevor man zur Probe mit den Moderatoren Senta Berger und Gunther Emmerlich auf die Bühne gerufen wurde, hielt man sich in Solo-Zimmern oder davor auf. Mein Zimmer lag neben dem von Menuhin, der herumspazierte und mich nach meinem Preis fragte. Wir kamen ins Gespräch und da ihn (wie mich) die Beschallung störte, suchten wir nach einem ruhigen Raum und fanden einen größeren Waschraum. Darin standen Kübel für Papier und Abfall. Beim Anblick der Behälter meinte Menuhin: Setzen wir uns doch darauf. Vielleicht gehören wir da sowieso hin.

Dieses humorvolle Understatement von ihm passte zur vorhergehenden Unterhaltung, die vollkommen natürlich war und so etwas wie menschliche Nähe vermittelte. Die längere Unterhaltung ist nach fast 20 Jahren nicht verblasst und mir als bewegend in Erinnerung. Über Musikwiedergabe in verschiedenen Teilen der Welt haben wir gesprochen und Europas große Bedeutung mit Bedacht und Vorsicht beurteilt.
Ich hatte damals kurz zuvor in Manila ein Händel-Oratorium mit dortigem Chor und städtischem Orchester dirigiert. Bei meinen Bemühungen, in den Proben Zusammenspiel und Intonation zu verbessern, hatte mich zurecht die Frage aus dem Orchester beschämt, ob die Musik nicht vielmehr durch Ausdruck und weniger die Genauigkeit ihr großartiges Wesen zeigen könne. Bald danach klang alles wunderbar ausdrucksvoll – mit leicht philippinischem Akzent. Wie in eine andere Sprache übersetzt. Vergleichbare Übersetzungen hatte auch Menuhin erlebt und zögerte nicht, Skepsis gegenüber europazentralistischem Musikmachen zu äußern.