Franz Schubert
(1797-1828)
Lieder nach Gedichten von Johann Wolfgang Goethe, Fridrich Schiller und
Johann Mayrhofer

Schubert wurde als romantischer Klassiker gefeiert. Seine Nähe zum Klassiker Beethoven und dem Romantiker Schumann führte zu dieser Charakterisierung. Beethoven gab der Symphonie, Schubert der Gestalt des Liedes die endgültige Form.

Über seine Lieder hieß es 1724 in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung : Herr F. S. [Franz Schubert] schreibt keine eigentlichen Lieder und will keine schreiben, sondern freye Gesänge, manchmal so frey, daß man sie allenfalls Capricen oder Phantasien nennen kann. 1826 heißt es: Für das eigentliche Lied scheint er weniger geeignet zu seyn, als für durchkomponirte Stücke. Viele der frühen Schubert-Lieder sind noch nicht variierte Strophenlieder, ein Typus, der lange als eigentliche Liedgestalt galt. Dessen Einfachheit rechtfertigte Goethe 1801, weil der Ausdruck von Strophe zu Strophe Sache des Sängers sei, nicht die des Komponisten. Er (der Sänger Wilhelm Ehlers) war unermüdet im Studieren des eigentlichen Ausdrucks, der darin besteht, daß der Sänger nach Einer Melodie die verschiedenste Bedeutung der einzelnen Strophen hervorzuheben weiß. […] denn bei der gelungenen Praxis überzeugte er sich, wie verwerflich alles sogenannte Durch-Komponieren der Lieder sei…
Letztendlich wurde der romantische Komponist Schubert zum Klassiker des Liedes, weil sich seine Idee vom durchkomponierten Lied durchgesetzt hatte. Im strengen Strophenlied blieb die Begleitung in allen Strophen gleich. Schubert passt die Begleitung jeder einzelnen Strophe an. Damit war die Musik eines Liedes Abbild des gesamten zugrundeliegenden Gedichts und höchste Kunst.  Edle Einfalt zeichnete einst die gleichbleibende Begleitung aus. Nun ließ siedas Strophenlied kunstlos erscheinen. Schuberts Liedtyp, in Frankreich le lied genannt, wurde bald in vielen Ländern übernommen. In Deutschland wurde dieser Typus für Johannes Brahms, Anton Bruckner und Hugo Wolf zum Vorbild. Sie alle bewunderten Schuberts traumwandlerische und begnadete Sicherheit, mit der er alle Feinheiten der Gedichte vertonte. In den Schoß ist ihm das nicht gefallen. Rastlos hat er an all seinen Werken verbessert und gefeilt.

Großartige Beispiele für Schuberts durchkomponierte Liedform sind Goethes Prometheus und An Schwager Kronos. Nach einer solchen Form verlangte geradezu Schillers lyrisch-epische SzeneGruppe aus dem Tartarus. Wie ein Neulandentdecker zeigt Schubert hier mit großer Treffsicherheit und Vielfalt, welche Ideen ihn umgetrieben hatten. Seine Mittel sind figürlicher Reichtum, harmonische Farbigkeit, suggestive Stimmungskraft. Damit öffnet er auf neuartige Weise ungeahnte seelische Bezirke in der Musik. Bedeutend ist er in den Liedern nicht zuletzt als Deklamator. Und bei aller Kunstfertigkeit haben seine Vertonungen oft etwas Volkstümliches. Das machte sie zu allen Zeiten und in allen Ländern so beliebt.
Übrigens ließen Schuberts Lieder ein instrumentales Pendant entstehen: Das Lyrische Klavierstück. Felix Mendelssohn Bartholdy ist mit seinen Liedern ohne Worte ein Schubertianer gewesen. Durch ihn, Schubert, entstanden in Frankreich stilistisch einfache und im Volkston rührende Erzähllieder mit altertümlicher Färbung. Die englische Parallele dazu waren domestic ballads mit ausschließlich geselliger Funktion ohne Kunstanspruch. Später entstand in Frankreich die Romance dialoguée, in derGesang und illustrierender Klavierpart gleichgewichtig à la Schubert sein sollten. Berlioz nannte seine Romances schließlich Mélodies, womit er zugleich die französische Übersetzung für Schuberts Lieder etablierte.

Goethes Vorliebe für die griechische Antike teilte Schubert. In den Vertonungen der Gedichte von Goethe und Schiller wird die Welt der Götter verklärt und in phantastischen Bildern beschrieben. Sehnsuchtsvoll ahnten Schuberts Freunde etwas von diesem Zauber, wenn sie ihm und einem Sänger bewundernd lauschten.

In den Texten von Johann Mayrhofer (1787-1836) wird die Antike in gleicher Weise beschrieben. Wie in einem idyllischen Arkadien mit sonnenbeschienen Blumenlandschaften wird uns vom entrückten Leben und Wirken der Göttergestalten berichtet. So, wie es die Romantik liebte! Fern von der Last alltäglicher Wirklichkeit.Die folgenden Zeilen aus Der zürnenden Diana skizzieren eine Momentaufnahme aus dem Leben der Göttin im paradiesischen Arkadien:

Ja, spanne nur den Bogen, mich zu töten,

Du himmlisch Weib! im zornigen Erröten

Noch reizender. Ich werd' es nie bereuen:

 

Daß ich dich sah am buschigen Gestade

Die Nymphen überragen in dem Bade;

Der Schönheit Funken in die Wildnis streuen.

 

Mayrhofer und Schubert hatten sich 1814 in Wien kennengelernt, wurden enge Freunde und lebten von 1818 bis 1821 in einer Wohngemeinschaft nahe dem Alten Rathaus. 47 Mayrhofer-Gedichte vertonte Schubert. Darunter das seinerzeit berühmte Lied eines Schiffers an die Dioskuren und Der zürnenden Diana.

Karl Freiherr von Feuchtersleben, Mayrhofers Biograph, schrieb über ihn: Das Gefühl für die Schönheit der Welt war seine eigentliche Muse, die ihn auf dem dunklen Lebenswege geleitete…
Eine gepflegte Melancholie und Weltverachtung, ein Gemüt sittlich-zart bis zum Krankhaften, Galligkeit und dann wieder Ahnung tieferer Reinheit und Vollendung, als sie der Schein dieser Welt ihm gibt, das war das Wesen dieses Mannes.

Franz Schubert wurde als Sohn eines Schullehrers in Lichtenthal bei Wien geboren. Als sein wichtigster Kompositionslehrer gilt Antonio Salieri. Von 1813-1818 war Franz als Hilfslehrer im Hause seines Vaters tätig. Später bemühte er sich vergeblich um eine Anstellung und lebte nach 1818 ärmlich als freier Künstler im Kreise der ihn bewundernden Freunde.
Wie Joseph Haydn kam er wegen seiner schönen Stimme in das Singknabeninstitut des Stephanskonvikts, wo die Mitschüler die langen Balladen-Vertonungen des erst Vierzehnjährigen bestaunten. Wegen seiner kurzen Fingerchen wurde ihm ein mäusehaft behendes Klavierspiel nachgesagt. Da er kurzsichtig war, legte er sich oft mit der Brille schlafen, um am Morgen sofort alles aufschreiben zu können, was ihm die Nacht an musikalischen Einfällen hatte zufliegen lassen.
1823 erkrankte er an einem venerischen Leiden, bekam tiefe Depressionen, erkältete sich im Herbst 1826 schwer und starb im November des Jahres an Typhus und Nervenfieber.