Georg Philipp Telemann
Von Magdeburg bis Hamburg

Als der 1681 in Magdeburg geborene Telemann 1721 als Lehrer und Kantor nach Hamburg wechselt, hat sich das Ansehen von Komponisten und Musikern gewandelt. Sie werden nicht mehr als Gaukler, Vagabund, Spielmann oder Seiltänzer schief angesehen. Vertreter musikalischer Berufe gelten nun als ehrenwerte Leute und Gelehrte mit gutbürgerlichem Beruf. Einer der Gründe dafür mag eine weltoffene und tolerante Haltung wie in Hamburg sein, wo Fremde und Einwanderer aus aller Herren Länder in ihren voneinander unabhängigen Kulturen mit dem Gefühl heimisch sind, Stadtluft mache frei; man habe als freier Citoyen allerdings auch Verantwortung im gesellschaftlichen Ganzen zu tragen.
In dieser weltoffenen Atmosphäre boomt die Wirtschaft und macht die Stadt zu einem europäischen Handelszentrum. Unberührt bleibt sie vom Dreißigjährigen Krieg, in dem die Stadtväter die schwedische Kriegsfinanzierung unterstützen und ein Zentrum des Rüstungsmarktes schaffen. Eine internationale Nachrichtenbörse entsteht durch Zeitungen.

Fri­scher Wind weht an der Nord­see durch viele Köpfe, die sich auf­klä­re­ri­schen Ten­den­zen an­schlie­ßen. Für Men­schen mit le­bens­na­her und dies­sei­ti­ger Welt­sicht wird die Re­li­gi­on mitunter auf All­tags­mo­ral re­du­ziert. Gerade Künst­ler, Dich­ter und Mu­si­ker haben über­all in Eu­ro­pa als ers­te Sympathie für aufgeklärte Zeit­strö­mungen. Te­le­mann mit­ten­drin.
Zu Ende geht während seiner Hamburger Zeit ein Denken vieler einfacher Zeitgenossen, die, wie Kant bald schreibt, sich wie dummes Hausvieh verhalten und meinen: Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt, u.s.w. so brauche ich mich ja selbst nicht zu bemühen. Nicht revolutionär, sondern Fortschrittskultur ist die Aufklärung.
So ist Ratsmitglied und Dichter Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) ein Anhänger der Physikotheologie, in der Religiosität durch sinnliche Wahrnehmung und genaue Naturbeobachtung entsteht. Brockes ziehtmit seinen beliebten Dichtungen dieLandsleute aus der feuchtkalten Kirche, aus ihren Schulen und Häusern in die Natur. Die Folge: Für Telemann und viele Zeitgenossen istder Zug in die Gartenkultur ein verheißungsvoller Ort heiterer Geselligkeit, geruhsamer Erholung, ja heimlicher Liebe. Vernunft lässt den Menschen sogar im Garten erkennen, dass er geschaffen ist, nach Glückseligkeit zu streben und nicht dazu, Schuld nach dem Sündenfall abzutragen. Was Gut und Böse bedeuten, weiß er nicht aus übernatürlichen Quellen, sondern weil er über die Fähigkeiten eines vernünftigen Wesens verfügt.
Telemann lebt gut in Hamburg, wo den Wissenschaften gehuldigt und das Gesetz geachtet wird, wo aufblühende Freiheit den Reiz des Lebens zu erhöhen vermag. Und wo eine traditionsreiche Musikkultur wächst und gedeiht.
Auf der Bühne der Musikgeschichte dieser Stadt mit damals 80 000 Einwohnern ist er bis zu seinem Tod 1767 einer der Hauptdarsteller. Aufklärer Johann Christoph Gottsched (1700-1766) nennt ihn den bedeutendsten Komponisten neben Händel. Überhaupt wird Telemann in seinem Jahrhundert zu den herausragenden Persönlichkeiten des europäischen Musikbetriebs gerechnet. Gedruckt in Amsterdam, Paris, London, Berlin, Frankfurt/Oder/Main und Hamburg, gelangen seine Werke auf die Notenpulte in ganz Europa. Man nennt ihn Mann der Harmonie, der, wie die Naturwissenschaftler auf ihrem Gebiet, als harmonischer Neuerer ein gelehrter Wissenschaftler sei und mit harmonischen Sätzen in den Gemüthern der Menschen allerhand Regungen erwecken könne. Der Naturerkennungsinstinkt großer Forscher kündigt sich an, wenn Telemann 1720 Brockes‘ Singgedicht im Frühling. Alles redet itzt und singet vertont und damit ein köstliches wie humorvolles Natur-Porträt vorlegt. Zunächst schreibt er, dass Gott und die Natur ihn zur Music gezogen hätten, später schwört er, die bloße Natur sei seine Lehrmeisterin gewesen; die Hauptglückseligkeit seines Lebens.  
Telemanns Schulzeit ist die eines schulisch Frühreifen, eines Wunderkindes. Doch ein Lernender bleibt er während seines ganzen Lebens. Was leistet er darin nicht alles! Ist bedeutender Theoretiker, komponiert massenhaft weltliche und kirchliche Werke für alle möglichen Besetzungen und Anlässe, schreibt noch und noch Briefe, ist schlauer Geschäftsmann, Lehrer, Operndirektor, Agent, Notenstecher, Organisationstalent, Blumenliebhaber und –sammler. Exotische Pflanzen lässt er von Übersee kommen und pflegt liebevoll seinen Garten vor den Toren Hamburgs. Händel schickt ihm Pflanzen aus England. In allem ist er clever und gewitzt.
Von einem extrem trockenen Tabulatur-Lehrer wendet sich der Knabe nach zwei Wochen ab und schreibt später in Matthesons Grundlage einer Ehrenpforte:…Die Lehrer waren mit meinem Fleisse sehr zu frieden und gaben mir das Zeugniß, daß ich im Lateinischen, besonders im Griechischen, guten Grund geleget hatte. In der Musik hatte ich binnen wenig Wochen so viel begriffen, biß ich endlich selbst anfing zu componiren. Die Musik-Feinde kamen mit Schaaren zu meiner Mutter, und stellten ihr vor: Ich würde ein Gauckler, Seiltäntzer, Spielmann, Murmelthierführer etc. werden, wenn mir die Musik nicht entzogen würde. Gesagt, gethan! Damit ward beschlossen, mich nach Zellerfeld auf dem Hartze in die Schule zu schicken: weil meine Notentyrannen glaubten, hinterm Blockberge duldeten die Hexen keine Musik. Nach einigem Zeitverlaufe sollte ein Bergfest gefeiert werden, und der Cantor die Musik verfertigen: allein er lag am Podagra. Ich wurde gerufen, und übernahm solche Verrichtung. Der Tag der Aufführung nahete; mein Cantor aber mußte das Bette hüten: also kam das Tactgeben an mich, als an eine Figur von 4. Fuß und etlichen Zollen (ca. 125 cm),welcher man ein Bänckgen untersetzte, damit sie gesehen werden könnte… Der brave Hr. Calvör (1650-1725)eröffnete sein Vergnügen über meine Musik, und ermahnete mich, darin fortzufahren. Dies … verleitete mich zu einem unschuldigen Ungehorsam: also, daß ich das Clavier wieder hervorsuchte, und im Generalbasse zu grübeln anfing.

Dieser grübelnde Jüngling wechselt 1697 an das Hildesheimer Andreanum, dessen Bildungsprogramm mit Sprachen, Logik, Theologica, Musik, Geographie, Astronomie und Ethik einen Lieblingsgedanken des Jahrhunderts beherzigt: die Verbesserung der Schulen. Später wird er an einer vergleichbaren Vorzeigeschule, dem Hamburger Johanneum,als Kantor lehren. Zunächst lernt er bei Ausflügen nach Hannover und Braunschweig französische Musik von Jean-Baptiste Lully, Werke von Rosenmüller, Corelli und Caldara kennen. Das geht nicht folgenlos an seinen Ohren vorbei, sondern belebt sein vorwiegend autodidaktisches Lernen. Über seine Neugier hinaus braucht er keinen formenden Lehrer.
Ab 1701 ist in Leipzig Musik sein Acker, obwohl er zum Schein Jura studiert. Frisch im Amt ist hier Thomaskantor Johann Kuhnau (1660-1722), mit dem er nicht konfliktfrei auskommt.
Leipzig ist wie Hamburg eine weltoffene Stadt. Die Bürger streben nach Emanzipation und sind Aufsteiger in der Volkswirtschaft. Wer in die Stadt mit 32 000 Einwohnern einreist nimmt französisch anmutende Gartenanlagen wahr. Alles wirkt darin geometrisch und klar gegliedert. Orange­rien und Lusthäuser prägen ein lebendiges Bild von höfischer und städtischer Kultur.
Bür­ger und Handwerker haben kein politisches Mit­spracherecht. Die Ratsherren haben als Obrigkeit ihre Macht fest im Griff.    
Die Stadt entwickelt wie das freie Hamburg eine aufgeklärte Haltung gegen die geistliche Or­thodoxie. Allein Tugend zählt als das Gute im Menschen. Übernatürlich-Göttliches ist fragwürdig, wenn es im Widerspruch zu den Naturgesetzen steht. So kann Leipzig mit Hang zu Vergnügungen eine galante Stadt künstlerischer Szenen und der Mode werden. Technische Neuerungen entstehen: Hamburg und Leipzig haben Stra­ßenbeleuchtung! 1701 nimmt die sächsische Metropole siebenhundert Öl-Laternen in Betrieb. Hamburg hat seit 1672 nächtliche Beleuchtung – außer Betrieb bei Mondschein. Die Kaffeehauskultur blüht. Deren Reiz, Ge­tränke, Tabak, Zeitungen, Bücher und Spiele zu genießen, ist Statussymbol. Die Stadt wird einer der wichtigsten Handelsplätze Europas.
Als Luther-Stadt hat Leipzigs Schulwesen höchstes Niveau; als lutherisch rein gilt die Universität mit hervorragendem Ruf neben Wittenberg. Naturalienkabinette entstehen zu Erkenntnissen über die Erde, Pflanzen und Tiere. Zeitungen schreiben überregional und verbreiten städtischen Klatsch. Buchmessen sind Umschlagsort für neuestes Gedankengut und kühne Ideen von allerhand Gelehrten. Messen bringen dreimal im Jahr Waren, Geld, neue Perspektiven und interessante Menschen in die Stadt. Der Kommerz blüht. Sänften stehen zwischen 6 und 20 Uhr als bequeme „Taxis“ zur Verfügung.
Telemann lernt in dieser „Welt“ das Denken des in Leipzig groß gewordenen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz‘ (1646-1716) und der Aufklärer-Szene kennen. Deren Hauptvertreter Christian Thomasius (1655-1728) predigt hier im Sinne von Thomas Hobbes, das menschliche Wollen sei triebhaft, ja durch Habgier und Ehrgeiz bestimmt. Der Mensch sei im Wollen nicht frei. Als Hoffnung bleibe ihm der Verstand. Es geht hoch her, als zu Beginn des Jahrhunderts dieser Feuerkopf den Anspruch des Klerus als Wächter über den rechten Glauben ablehnt und die Loslösung vom Schoß der Theologie fordert.Zunächst musser dafür bei Strafe des Stranges nachts aus der Stadt fliehen. Später kann er zurückkehren, anerkannt alserster Universitätsprofessor, der Vorlesungen auf Deutsch hält.

Als Telemann sich in diesen Turbulenzen über die Stadt informiert und Fuß fasst, gründet er ein studentisches Collegium musicum, das Bach später übernimmt. Er wird eingeladen, Kirchenmusik für die Gottesdienste zu komponieren. Den 16jährigen Händel lernt er in Halle kennen und führt später dessen Opern und die Brockes-Passion in Hamburg auf. Im Gegenzug subskribiert Händel Telemanns Musique de Table. Von Leipzig aus reist er zweimal nach Berlin, lernt im Lietzenburger Sommerschloss die Opernszene kennen, hört die Oper Polyphemo, von Giov. Bonocini, und erlebt Königin Sophie Charlotte (1668-1705), wie sie sich spontan zu den Musikern ins Orchester setzt und auf dem Clavier accompagnirt.

Bereits als Lernender hat er Verbindungen zur europäischen Kulturszene. Das nützt ihm in den Durchgangsstationen seines Lebens. Von 1704-1708 wird er auf Einladung des Grafen von Promnitz Dirigent der Hofkapelle in Sorau. Danach verbringt er erfolgreich vier Jahre am herzoglichen Hof in Eisenach, ist dort von hervorragenden Musikern umgeben, avanciert zum Kapellmeister, bekommt den Titel eines Secretairs und darf bei Hofe an der Marschallstafel speisen. Mit dem Eisenacher Hof ist er lange verbandelt. In handgeschriebenen Blättern, die neben gedruckten Zeitungen im Nachrichtenumschlagsplatz Hamburg zu haben sind, berichtet er von 1725 bis 1730 als Eisenacher Korrespondent für ein jährliches Honorar von 100 Reichstalern.1712 ist er in Frankfurt am Main städtischer Musikdirektor und Kapellmeister zweier Kirchen. Ab 1721 hat er als Cantor Johannei und Director Musices der Stadt Hamburg eines der angesehensten musikalischen Ämter Deutschlands inne und übernimmt wenig später die Leitung der Oper am Gänsemarkt. Anfang 1678 öffnet sie als erstes feststehendes Opernhaus ihre Pforten. Leipzig hat erst 20 Jahre später ein vergleichbares aber glückloses Haus. Trotz manch persönlichen Ärgers durch eine unglückliche Ehe und Streitigkeiten mit dem Arbeitgeber lebt Telemann gut an der Elbmündung. Er ist jetzt bestens vernetzt und hat als Lebenskünstler ausgelernt.
Nicht zuletzt als Verleger mit Kontakten zum europäischen Musikbetrieb wird er
von französischen Virtuosen im Herbst 1737 nach Paris eingeladen. Den galanten französischen Stil Rameaus und Couperins vermag er so brillant in eigene Werke zu übernehmen, dass man ihn in Paris erleben will, zumal dort einige seiner Werke gedruckt vorliegen. Die Liste der Subskribenten für diese Werke ist lang. Allein in Paris liegen 133 Bestellungen vor, nicht zu vergessen jene aus dem übrigen Frankreich, weitere aus Cadiz, Oslo, Venedig, Riga, Zerbst, Dresden und Leipzig – vom befreundeten Bach. Die angesehensten Virtuosen der Pariser Szene - Flötist Blavet, Cellist Edouard, Gambist Forqueray, Geiger Guignon - uraufführen etliche seiner Stücke, die die Ohren des Hofes und der Stadt ungewöhnlich aufmerksam machen, und erwarben mir, wie er später in Hamburg schreiben wird,in kurzer Zeit, eine fast allgemeine Ehre, welche mit gehäufter Höflichkeit begleitet war. In den Concerts spirituels tritt Telemann als erster deutscher Komponist auf und hat mit der Psalmvertonung Deus judicium tuum seinen größten Erfolg in Paris. Auch in Hamburg sind acht Aufführungen zwischen 1740 und 1757 erfolgreich.
Er erlebt in Paris die Uraufführung von Rameaus CastoretPollux; ebenso Lullys Atys und Persée. Sein Frankreichaufenthalt gilt in seiner Zeit als nachahmenswert. Kunst eint Nationen, Politik trennt sie. Diese später formulierte Erkenntnis ist bei seinem Besuch bereits vorhanden. Ebenso ist die Neigung beliebt, sich von der beengenden Dominanz der Kirche zu lösen. Schmunzelt Telemann, als er in Paris Couperins Messe pour les paroisses durchsieht, wo es am Schluss anstelle von Soli Deo Gloria „aufgeklärt“ heißt:La messe est dîte, allons dîner (Die Messe ist gelesen, gehen wir essen)? Diesem Weltoffenen ist das zuzutrauen. In Frankreich sieht man in ihm den wichtigsten Repräsentanten der Musik Deutschlands.

Das Multitalent Telemann entdeckt alles Mögliche. Zum Beispiel die erwähnte Gartenkunst, der er sich ab etwa 1740 widmet. Wenn auch die Musik sein Acker und Pflug ist, so hat er ihr eine Gefehrtin zugesellet nemlich die Bluhmen-Liebe. Er gesteht seine Unersättlichkeit in Hyazinthen und Tulpen, seinenGeiz nach Ranunkeln und Anemonen und schreibt bereits 1728 seinem Frankfurter Freund Friedrich Armand von Uffenbach, bei schönem Wetterseiendie hiesigen Kirchen etwas ler von Menschen (deren sich viele auf ihren Gärten befinden).
Seine Naturbewunderung offenbart er bereits mit der 1720 in Frankfurt entstandenen Kantate Alles redet itzt und singet nach einem Libretto des Hamburger Ratsherren Brockes. Größte Beachtung findet das Stück, als Telemann es 1744 während einer Lustpartie für Kurfürst Clemens August, Erzbischof von Köln, zu Schiff auf der Alster dirigiert. Brockes als Begründer der Naturdichtung schätzt französische Ansichten wie Rien n‘est beau que le vrai (Nichts ist schön wie das Wahre). Und das Wahre ist nun mal die Natur. Die beschreibt er im Kantatentext bildschön und Telemann vertont alles treffend an Hand musikalischer Figuren. Das Erwachen der Natur wird mit güldenem Morgenlicht, begrauter Dämmrung und der Vögel schnellem Heer mit liederreichen Schnäbeln beschrieben:

Bald steigt die gurgelnde Lerche empor. Den warmen Sonnenstrahl loben Stieglitz, Spatz und Star, Specht und Klapperstörche. Die schnellen Schwalben schwirren, die Wachtel lockt und Turteltauben girren.

Schließlichkomponiert er ein Klangbild vom Wunderschall der Nachtigall, der Wälderkönigin. Weder Joseph Haydn noch Leoš Janáček (Concertino für Klavier, Bläser und Streicher) hätten das mit ihren Tierbeschreibungen treffender darstellen können:

Allerhand weiteres Getier beschreiben die Geigen bildhaft: Die unverdross‘nen Bienen,die scherzenden geschwinden Fliegen mit dem Zischen ihrer Flügel, Brems' und Hummel summen, der Käfer brummt, dort brüllt ein fetter Ochs‘, hier wiehern muntre Pferde, im Grase knirscht der Biss der fetten Herde, Ent‘ und Gans schnattern, es kräht der frühe Hahn, da blökt ein zartes Lamm, kleine Ziegen meckern und ein Tauber girret in dünnen Lüften vor Vergnügen.
Das Werk ist einer von Geniestreichen aus seinem vollen Schrank mit Opern, Oratorien, Lehrwerken, großartigen Kantaten und der Instrumentalmusik voller Bilder! Die Suite La Bourse komponiert er spontan nach dem Sturz der Mississippi-Aktien 1720, denn er wohnt im Haus der Frankfurter Börse und erlebt alles hautnah. In der 1723 bei der Hundertjahrfeier der Elbstadt-Admiralität aufgeführten Wasser-Ouverture, auchHamburger Ebb‘ und Flut genannt, zeigt er aufs Neue, wie ihm die Ton-Malerei liegt. Passend zu Hamburg bemüht er aus der griechischen Antike Götter, deren Element das Wasser ist. In den Sätzen Die schlafende und erwachende Thetis wird die Meeresgöttin als Träumende und dann freudig Erwachende dargestellt. In Der verliebte Neptun glaubt man, die schmerzliche Liebe des Gottes der Flüsse gegenüber Amphitrite zu hören. Hört man gar das Planschen hellsichtiger Nymphen in den spielenden Najaden? In Der scherzende Triton treibt jedenfalls der Neptun-Sohn derben Spaß mit Schiffen. Der stürmende Äolus gewittert in einer Tempête wild herum, bevor Der angenehme Zephyr in einem Menuett lauen und angenehmen Windhauch schenkt. Kein Zweifel: in der Ebbe und Fluth sind esschaumgekrönte Wellen, die drohend über die Alster schwappen und wieder verschwinden. Mit leichter Hand wird Telemann die kunstvolle Suite komponiert und aufgeführt haben. Getanzt werden die Sätze bei der Feier nicht. Deshalb kann Telemann für eine spannende Wiedergabe beherzigen, was sein wohl bester Hamburger Freund, Johann Mattheson, im Kern melodischer Wissenschafft zu dergleichen Stücken rät: Zum Tanzen destiniret, sonst nimmt man liberté. Man spürt immer, wie er in seinen Kompositionen wundersam und wirklichkeitsnah Erlebnisse klar und packend beschreibt. Ja, Spaß muss es ihm gemacht haben, alles greifbar bildlich und heiter zu erzählen.
Sein größter Heiterkeitserfolg ist Pimpinoneoder die ungleiche Heirat, eine waschechte Moral-Kantate für Sopran, Bass, Streicher und Generalbass. Uraufführung in Hamburg am 27. September 1725 im Theater am Gänsemarkt. An diesem Abend wird nicht nur eine ungleiche Heirat gegeben. Zwei ungleiche Werke werden aufgeführt. Telemann schmuggelt Pimpinone listig als Intermezzo in die Aufführung von Händels blutrünstiger OperTamerlano ein, und macht mit seinem Pimpinone Hamburg und den deutschen Bühnen ein Geschenk voll hinreißender Satire und zeitenüberdauernder Lebenskraft! Man stelle sich vor: Das Publikum erwartet eine Tragödie und bekommt mittendrin diese Geschichte zu hören: Vespetta, hübsch, intelligent aber arm, verdient sich als Kammermädchen ihren Lebensunterhalt und sieht in der Heirat mit dem alten und wohlhabenden Bürger Pimpinone die Chance ihres Lebens. Sie betört ihn. Als er sie auf die Probe stellt, zerstreut sie sämtliche Zweifel. Beide heiraten. Brautausstattung: stolze 10.000 Taler; genug für ein sorgenfreies Leben. Nach der Heirat ist Vespetta faul und launisch. Ihren Pflichten als treusorgende Ehefrau kommt sie keineswegs nach. Grund: Das ehemalige Dienstverhältnis sei durch die Ehe erloschen. Dreist nimmt sie sich alle Freiheiten. Nachdem die ehelichen Spannungen zum Zerreißen gestiegen sind, muss Pimpinone sich entscheiden: Mitgift auszahlen oder ihr moralfernes Leben ertragen! Einer der Höhepunkte dieser So-spielt-das-Leben-Komödie ist nach bitterstem Ehestreit jene Arie des Pimpinone, in der er fistulierend und mehr kreischend als singend beschreibt, wie sich Vespetta mit einer Nachbarin über ihn lustig macht. All das erwartet niemand. Deshalb tobt das Publikum vor Vergnügen, Hochrufe ertönen, Da-capo-Rufe und Applaus ohne Ende. Nicht ganz billig ist dieses Vergnügen bei einem Kartenpreis von etwa 24 Schilling (Silbermünzen). Aber die besitzenden Kreise des Stadtstaates lassen sich Kultur etwas kosten.

Telemann geht stets mit der Zeit, indem er neue Entwicklungen aufnimmt. An Haydns Schöpfung lässt er im Alterswerk Die Tageszeiten denken. Darin vertont er ein Libretto von Friedrich Wilhelm Zachariae (1726-1777), der in Das Schnupftuch, einem kraftvollen Sittengemälde vom Studentenlebenzeigt, wie natürlich und wirklichkeitsnah seine Texte daherkommen. Als Die Tageszeiten 1757 uraufgeführt werden, liegen Humboldts, Forsters und Darwins Natur-Entdeckungen schon in der Luft, denn die Natur als etwas staunenswert Großes zu beschreiben ist aktuell, als Telemanns Leben bald zu Ende geht. Empfindsame und heitere Gelassenheit kennzeichnen die Natur-Bilder seiner späten Klangkunst. Die einleitende Sinfonia der Tageszeiten ist ein vergnüglicher „Kurzfilm“ über den Beginn eines schönen Tages: Sind es vom Wind bewegte Blätter, wenn die Bratschen mit lauten Einwürfen die noch nächtliche Stille beenden? Jedenfalls regt sich von Abschnitt zu Abschnitt mehr Leben. Am Schluss der Sinfonia meint man, jemand werde aus dem Schlaf wachgerüttelt, damit er den von Trompetensignalen begleiteten Sopran hört, wenn er den voller Pomp aus dem Meere aufsteigenden Morgen besingt. Mehr noch, der in Glanz schwimmende Himmel grüßt die Sonne, alle Sphären klingen, alles, Muselmann, Heid und Christ grüßen gleichermaßen die wundervolle Schöpfung. Dass Angehörige von zwei Religionen und ein Heide in einem Atemzug genannt werden, ist die einnehmende Botschaft toleranzgeprägter Aufklärung. In den folgenden Teilen Mittag, Abend undNacht wird das Füllhorn der Natur mit Blumen, Wäldern, Winden, Bienen ohne Zahl, dem Murmeln der Bäche, mit Tau und Rosendüften beschrieben. Die Stille des Morgens steht am Beginn des Werkes, das mit der Stille der Nacht endet und den Menschen an seine Sterblichkeit erinnert.

Lange konnte Telemann der eigenen Sterblichkeit davonlaufen. Zehn Jahre nach den Tageszeiten und weiteren großartigen Kompositionen ist er vollends erschöpft und stirbt im Juni 1767 sechsundachtzigjährig als eine der großen Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts. Für wenige Jahrzehnte bleibt seine Bedeutung unbestritten, wird dann verkannt, verleumdet, vergessen. Im 19. Jahrhundert und noch lange nach 1900 fällen angeblich höchst glaubwürdige Musikwissenschaftler ihr Urteil: …er schmierte, wie man Stiefel schmiert, habe Fabrikware und biedere Hausmusik geschrieben. Der erste Bach-Biograph Philipp Spitta und sein Bachverehrer-Kollege Albert Schweitzer mäkeln scharfzüngig: Es erscheint unbegreiflich, daß er [Bach]es über sich gewann, ganze Kantaten von Telemann abzuschreiben und in Leipzig aufzuführen. Einige seiner Werke gelten lange als Kompositionen Bachs. Darum findet man sie ausgezeichnet undinteressant in der Textdeklamation.

Das Urteil über ihn wird nach 1960 revidiert, als beispielsweise Musiker wie Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm seine Verteidigung übernehmen. Henze: Daß Bach und Händel ihre Schatten massiv über seine Musik geworfen haben, ist schwer zu verstehen – vielleicht hat es etwas zu tun mit der Prädominanz der Professoren aus der Musikologie-Branche. Rihm: Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich Musik von ihm höre. Die ist immer frisch erfinderisch, wie man so experimentierfreudig es bei keinem seiner Zeitgenossen findet. Ein Avantgardist seiner Zeit. Telemann war ein Beweger…

Bewegt sind Ausführende und Hörer heute wieder,  wenn es gelingt, seine Musik mit ihren wunderbaren Geschichten über das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen verständlich und unterhaltsam nachzuerzählen.